Journal
Tosca 25.5.2011
26.05.2011
Tosca with Violetta Urmana, Deutsche Oper Berlin
Samuel Ramey
26.06.2011
Samuel Ramey as Scarpia at the Deutsche Oper Berlin
After a concert with Rudolf Buchbinder
14.09.2011
After performing Mozart d-minor concerto with Rudolf Buchbinder....
Interview Braunschweiger Zeitung
12.10.2011
Braunschweiger Zeitung v. 12.10.2011
Unser Publikum sollte unsere Sänger stärker honorieren
Generalmusikdirektor Alexander Joel über Tristan und Isolde, Opern-Regie und seine Pläne
Seit 2007 ist Alexander Joel Generalmusikdirektor des Braunschweiger Staatsorchesters. Gerade hat der 40-Jährige seinen Vertrag bis zur Spielzeit 2013/2014 verlängert. Am Samstag, 15. Oktober, 16 Uhr, dirigiert er mit „Tristan und Isolde\\\" die erste und bedeutendste Opernpremiere dieser Spielzeit. Über diese Großproduktion .und seine weiteren Pläne in Braunschweig sprach er mit unserem Redakteur Florian Arnold.
Sie dirigieren Opern nicht nur in Braunschweig, sondern als Gast auch an vielen anderen Häusern in Deutschland und darüber hinaus. Haben Sie den „Tristan\\\" schon einmal gegeben?
Nein, bisher nicht. Es ist ein fundamentales Stück des Repertoires, aber auch eines der schwierigsten in seiner Tiefe und musikalischen Komplexität. Ich bin im Sommer 40 geworden, jetzt wage ich mich einmal daran. Ich habe mich intensiv mit der Partitur und der inneren Struktur des Werks auseinandergesetzt. Der „Tristan\\\"\\\' ist geprägt von kleinen Urmotiven, die immer größer werden, die in riesigen Bögen das Stück durchziehen. Verdi ist im Vergleich dazu wesentlich einfacher zu fassen. Man liest sich einmal die Partitur durch und erkennt die Form.
Wie eng arbeiten Sie bei den Proben mit der Regisseurin Yona Kim zusammen?
Wir harmonieren gut zusammen, aber meine Arbeit mit dem Orchester ist relativ unabhängig von der Regie. Ich folge der inneren Logik der Musik. Natürlich, gewisse Ausdrucksweisen der Sänger stimmt man ab, und als Dirigent kann ich hier und da ein Tempo ein bisschen anders gestalten, um einen szenischen Übergang zu ermöglichen. Problematisch ist es umgekehrt, wenn die Regie in der Personenführung nicht auf die Musik achtet. Wenn ein Sänger etwa eine Arie weit hinten auf der Bühne singen muss, oder wenn ein Ensemble sehr weit auseinander platziert ist, dann bekommt man es musikalisch einfach nicht zusammen oder hört den Sänger nicht. Am Ende heißt es dann, die Regie war gut, aber das Orchester spielte zu laut.
Die letzte große Opernproduktion, Mozarts „Don Giovanni\\\", wurde vom Publikum mehrheitlich abgelehnt. Wie stehen Sie zu ihr?
Ich halte Johannes Erath für einen sehr begabten Regisseur. Wenn das Publikum allerdings Kloschüsseln auf der Opernbühne sieht, werden viele Besucher die Inszenierung ablehnen -selbst wenn sie vom besten Regisseur der Welt wäre. Das Publikum reagiert nunmal sehr stark auf die Ästhetik.
Es heißt, der Erfolg des Staatstheaters, auch der finanzielle, entscheide sich im Großen Haus und hier besonders bei den Opern. Beeinflusst dieser Druck ihre Arbeit?
Ich bin für die musikalische Qualität und die Sänger verantwortlich. Die Entscheidungen hinsichtlich der Inszenie-
rungen liegen beim Intendanten und beim Operndirektor. Das Traurige ist, dass das Urteil über eine Produktion bei einem großen Teil des Braunschweiger Publikums von der Regie abhängt. Wer dirigiert und wer singt, so mein Eindruck, ist fast nebensächlich. Erschütternd war für mich, als wir vor drei Jahren mit einer sensationellen Besetzung, mit Liana Aleksanyan und George Stephens, „Otello\\\" machten und bei der Wiederaufnahme eine Vorstellung absagen mussten, weil zu wenig Karten verkauft waren. In anderen Städten hat auch die Besetzung eine Bedeutung für das Publikum. Ich bin stolz auf die tollen jungen Stimmen, die wir hierhergeholt haben. Bei der Besetzung des „Don Giovanni\\\" zum Beispiel- Orhan Yildiz ist ein ausgezeichneter Don Giovanni, Ekaterina Kudryavtseva als Donna Anna sensationell. Ich würde mir wünschen, dass das stärker vom Publikum honoriert wird. Dass Leute in die Vorstellung gehen, um Sänger dieser Qualität zu erleben.
Auch wenn Sie jetzt den „Tristan\\\" dirigieren, hat man den Eindruck, Sie bevorzugten die italienische Oper.
Operndirektor Jens Neundorff und ich haben bei der Auswahl der Werke großen Wert darauf gelegt, dass sie für unsere Sänger interessant sind. Die jungen Sänger brauchen
Kernpartien in ihren Repertoires, damit sie sich entwickeln können, sonst bleiben sie nicht. Man versucht, für alle 16 Sänger gute, passende Rollen zu finden, auch wenn das nicht immer möglich ist. Wir haben deshalb in den letzten Jahren mit Rücksicht auf die Sänger viele Opern mit Partien für leichtere Stimmen gemacht. Mozart ist für junge Stimmen ideal, auch viele Verdi-Opern. Aber nun sind wir in dem Repertoire durch, zumindest mit den bekannten. Ein wenig Donizetti und Rossini ist noch drin. Aber wir werden uns nun mehr in Richtung Wagner und Strauß öffnen.
Sie dirigieren oft auswärts, auch an renommierten großen Häusern. Sind Sie hier in Braunschweig zufrieden?
Ja, ich habe erst vor kurzem bis 2014 verlängert. Ich liebe das Orchester, es hat eine sensationelle Qualität, großen Willen und Disziplin. Auch menschlich ist es ein Genuss, hier zu arbeiten. Die Chemie stimmt auch zwischen den Musikern, das ist wahrlich nicht selbstverständlich. Mit Orchesterdirektor Martin Weller verstehe ich mich sehr gut, er ist meine rechte Hand. Schön an Braunschweig ist auch, dass es so zentral liegt. Ich kann für eine Aufführung nach Berlin oder Hamburg fahren und nachts zurück. Wiederaufnahmen an großen Häusern sind nicht mit viel Probenarbeit verbunden, oft mit gar keiner. Und ich mache auswärts nicht mehr als eine Premiere pro Spielzeit. Die Erfahrungen, die ich an Häusern wie der Semperoper oder der Deutschen Oper Berlin sammele, sind wichtig.
Sie sind ein großer Klangkünstler. Wenn es Kritik an Ihrer Arbeit gibt, geht sie dahin, dass Sie zugunsten des Schönklangs die geistigen Spannungen unter der Oberfläche eines Werks vernachlässigen.
Ich finde das merkwürdig. Es kommt vor, dass ein Orchester falsch intoniert und derb spielt und Kritiker dem Dirigenten attestieren, er habe die „die geistige Reibung\" herausgearbeitet. Nein: Das Orchester hat einfach falsch, zu hart und unkultiviert gespielt. Sicher, bei Schostakowitsch oder Strawinsky kommt es auf eine gewisse Schärfe an. Aber generell lege ich wirklich Wert auf einen ausgewogenen Klang und arbeite intensiv daran.
Am Pult sind Sie kein strenger Taktgeber, sondern dirigieren geradezu tänzerisch oder lehnen sich mal zurück. Sind Sie sich Ihrer Bewegungen stets bewusst?
Nein, ich denke beim Dirigieren nicht an die Bewegungen. Man muss Vertrauen haben ins Orchester, bei den Proben hat man schließlich intensiv gearbeitet. Man muss nicht permanent herumfuchteln. Wenn man loslassen kann, ist es am schönsten. Vor allem bei Konzerten läuft viel von allein. Bei der Oper ist es etwas anders...
Unser Publikum sollte unsere Sänger stärker honorieren
Generalmusikdirektor Alexander Joel über Tristan und Isolde, Opern-Regie und seine Pläne
Seit 2007 ist Alexander Joel Generalmusikdirektor des Braunschweiger Staatsorchesters. Gerade hat der 40-Jährige seinen Vertrag bis zur Spielzeit 2013/2014 verlängert. Am Samstag, 15. Oktober, 16 Uhr, dirigiert er mit „Tristan und Isolde\\\" die erste und bedeutendste Opernpremiere dieser Spielzeit. Über diese Großproduktion .und seine weiteren Pläne in Braunschweig sprach er mit unserem Redakteur Florian Arnold.
Sie dirigieren Opern nicht nur in Braunschweig, sondern als Gast auch an vielen anderen Häusern in Deutschland und darüber hinaus. Haben Sie den „Tristan\\\" schon einmal gegeben?
Nein, bisher nicht. Es ist ein fundamentales Stück des Repertoires, aber auch eines der schwierigsten in seiner Tiefe und musikalischen Komplexität. Ich bin im Sommer 40 geworden, jetzt wage ich mich einmal daran. Ich habe mich intensiv mit der Partitur und der inneren Struktur des Werks auseinandergesetzt. Der „Tristan\\\"\\\' ist geprägt von kleinen Urmotiven, die immer größer werden, die in riesigen Bögen das Stück durchziehen. Verdi ist im Vergleich dazu wesentlich einfacher zu fassen. Man liest sich einmal die Partitur durch und erkennt die Form.
Wie eng arbeiten Sie bei den Proben mit der Regisseurin Yona Kim zusammen?
Wir harmonieren gut zusammen, aber meine Arbeit mit dem Orchester ist relativ unabhängig von der Regie. Ich folge der inneren Logik der Musik. Natürlich, gewisse Ausdrucksweisen der Sänger stimmt man ab, und als Dirigent kann ich hier und da ein Tempo ein bisschen anders gestalten, um einen szenischen Übergang zu ermöglichen. Problematisch ist es umgekehrt, wenn die Regie in der Personenführung nicht auf die Musik achtet. Wenn ein Sänger etwa eine Arie weit hinten auf der Bühne singen muss, oder wenn ein Ensemble sehr weit auseinander platziert ist, dann bekommt man es musikalisch einfach nicht zusammen oder hört den Sänger nicht. Am Ende heißt es dann, die Regie war gut, aber das Orchester spielte zu laut.
Die letzte große Opernproduktion, Mozarts „Don Giovanni\\\", wurde vom Publikum mehrheitlich abgelehnt. Wie stehen Sie zu ihr?
Ich halte Johannes Erath für einen sehr begabten Regisseur. Wenn das Publikum allerdings Kloschüsseln auf der Opernbühne sieht, werden viele Besucher die Inszenierung ablehnen -selbst wenn sie vom besten Regisseur der Welt wäre. Das Publikum reagiert nunmal sehr stark auf die Ästhetik.
Es heißt, der Erfolg des Staatstheaters, auch der finanzielle, entscheide sich im Großen Haus und hier besonders bei den Opern. Beeinflusst dieser Druck ihre Arbeit?
Ich bin für die musikalische Qualität und die Sänger verantwortlich. Die Entscheidungen hinsichtlich der Inszenie-
rungen liegen beim Intendanten und beim Operndirektor. Das Traurige ist, dass das Urteil über eine Produktion bei einem großen Teil des Braunschweiger Publikums von der Regie abhängt. Wer dirigiert und wer singt, so mein Eindruck, ist fast nebensächlich. Erschütternd war für mich, als wir vor drei Jahren mit einer sensationellen Besetzung, mit Liana Aleksanyan und George Stephens, „Otello\\\" machten und bei der Wiederaufnahme eine Vorstellung absagen mussten, weil zu wenig Karten verkauft waren. In anderen Städten hat auch die Besetzung eine Bedeutung für das Publikum. Ich bin stolz auf die tollen jungen Stimmen, die wir hierhergeholt haben. Bei der Besetzung des „Don Giovanni\\\" zum Beispiel- Orhan Yildiz ist ein ausgezeichneter Don Giovanni, Ekaterina Kudryavtseva als Donna Anna sensationell. Ich würde mir wünschen, dass das stärker vom Publikum honoriert wird. Dass Leute in die Vorstellung gehen, um Sänger dieser Qualität zu erleben.
Auch wenn Sie jetzt den „Tristan\\\" dirigieren, hat man den Eindruck, Sie bevorzugten die italienische Oper.
Operndirektor Jens Neundorff und ich haben bei der Auswahl der Werke großen Wert darauf gelegt, dass sie für unsere Sänger interessant sind. Die jungen Sänger brauchen
Kernpartien in ihren Repertoires, damit sie sich entwickeln können, sonst bleiben sie nicht. Man versucht, für alle 16 Sänger gute, passende Rollen zu finden, auch wenn das nicht immer möglich ist. Wir haben deshalb in den letzten Jahren mit Rücksicht auf die Sänger viele Opern mit Partien für leichtere Stimmen gemacht. Mozart ist für junge Stimmen ideal, auch viele Verdi-Opern. Aber nun sind wir in dem Repertoire durch, zumindest mit den bekannten. Ein wenig Donizetti und Rossini ist noch drin. Aber wir werden uns nun mehr in Richtung Wagner und Strauß öffnen.
Sie dirigieren oft auswärts, auch an renommierten großen Häusern. Sind Sie hier in Braunschweig zufrieden?
Ja, ich habe erst vor kurzem bis 2014 verlängert. Ich liebe das Orchester, es hat eine sensationelle Qualität, großen Willen und Disziplin. Auch menschlich ist es ein Genuss, hier zu arbeiten. Die Chemie stimmt auch zwischen den Musikern, das ist wahrlich nicht selbstverständlich. Mit Orchesterdirektor Martin Weller verstehe ich mich sehr gut, er ist meine rechte Hand. Schön an Braunschweig ist auch, dass es so zentral liegt. Ich kann für eine Aufführung nach Berlin oder Hamburg fahren und nachts zurück. Wiederaufnahmen an großen Häusern sind nicht mit viel Probenarbeit verbunden, oft mit gar keiner. Und ich mache auswärts nicht mehr als eine Premiere pro Spielzeit. Die Erfahrungen, die ich an Häusern wie der Semperoper oder der Deutschen Oper Berlin sammele, sind wichtig.
Sie sind ein großer Klangkünstler. Wenn es Kritik an Ihrer Arbeit gibt, geht sie dahin, dass Sie zugunsten des Schönklangs die geistigen Spannungen unter der Oberfläche eines Werks vernachlässigen.
Ich finde das merkwürdig. Es kommt vor, dass ein Orchester falsch intoniert und derb spielt und Kritiker dem Dirigenten attestieren, er habe die „die geistige Reibung\" herausgearbeitet. Nein: Das Orchester hat einfach falsch, zu hart und unkultiviert gespielt. Sicher, bei Schostakowitsch oder Strawinsky kommt es auf eine gewisse Schärfe an. Aber generell lege ich wirklich Wert auf einen ausgewogenen Klang und arbeite intensiv daran.
Am Pult sind Sie kein strenger Taktgeber, sondern dirigieren geradezu tänzerisch oder lehnen sich mal zurück. Sind Sie sich Ihrer Bewegungen stets bewusst?
Nein, ich denke beim Dirigieren nicht an die Bewegungen. Man muss Vertrauen haben ins Orchester, bei den Proben hat man schließlich intensiv gearbeitet. Man muss nicht permanent herumfuchteln. Wenn man loslassen kann, ist es am schönsten. Vor allem bei Konzerten läuft viel von allein. Bei der Oper ist es etwas anders...
Aufbau- Jewish monthly Magazine-Was charakterisiert Jüdische Musik? Virtuose Vielfalt
01.02.2012
Aufbau Februar 2012
MUSIK
PORTRÄT Dirigent Alexander Joel
Weltbürger der Musik
Alexander Joel gilt als einer der international profiliertesten und meistgefragten Dirigenten seiner Generation. Der 40-jährige Generalmusikdirektor in Braunschweig ist Deutschland nicht nur musikalisch eng verbunden. Sein Grossvater Karl Amson Joel gründete 1928 einen Textilversandhan-del in Nürnberg. Infolge der «Arisierungspolitik» musste er sein Unternehmen 1938 aufgeben und emigrieren. Josef Neckermann übernahm die Firma.
VON KATJA BEHLING
Die Musik - insbesondere die deutsche Klassik und die Wiener Operette - bestimmte das Leben von Alexander Joel bereits bevor er überhaupt auf der Welt war. «Die Fledermaus» von Johann Strauss spielt in seiner Familiengeschichte eine fast schicksalhafte Rolle: Alexander Joels Vater Helmut Joel, ein grosser Musikliebhaber, hatte sich zu Beginn der vierziger Jahre in eine junge Frau verliebt, die mit ihm gemeinsam in Operetten-Vorstellungen einer College-Theatergruppe auf der Bühne stand. Dass die Dame seines Herzens wie die Figur aus der «Fledermaus» Rosalind hiess, betrachtete der junge Mann zusätzlich als gutes Zeichen. Seltsamerweise hatten sich schon Rosalinds Eltern einst unter ähnlichen Umständen kennengelernt - bei einer Operettenaufführung in der Royal Albert Hall in London.
Sein Faible für Operetten gab Helmut Joel später auch an seinen Sohn weiter. Alexander, der seine Kindheit grösstenteils in Wien verlebte, besass schon mit neun Jahren einen Klavierauszug der berühmten «Fledermaus». Oft nahmen seine Eltern ihn mit ins Opernhaus. «Ich durfte in der Loge immer vorne sitzen und dem Dirigenten zusehen», erzählt Alexander Joel. Bei seinen ersten eigenen Auftritten als Dirigent sah ihm wiederum eine ältere Dame zu: Einzi Stolz. Sie, seinerzeit eine Nachbarin der Familie Joel, war die Witwe des grossen Operettenkomponisten Robert Stolz, in dessen Karriere die «Fledermaus» ebenfalls eine - die - Schlüsselrolle gespielt hatte.
Im Alter von erst 24 Jahren debütierte Alexander Joel an der Oper in
Nürnberg - mit der «Fledermaus». Im selben Jahr, 1995, trat auch Alexander Joels älterer Halbbruder, der amerikanische Pop-Star Billy Joel, zwei Mal in der ausverkauften Meistersingerhalle in der fränkischen Stadt auf. Diese Konzerte der Joels fanden 50 Jahre nach Kriegsende statt und waren Teil der offiziellen Feierlichkeiten in Nürnberg. Zwölf Jahre später, im Juli 2007, gab Alexander Joel dort ein spektakuläres Open-Air-Konzert, 60000 Menschen hörten zu. Auch dieses Konzert war musikalisch wie historisch von grosser Symbolkraft: Der damals 36-jährige Alexander Joel dirigierte die Nürnberger Philharmoniker, Spielort war der Luitpoldhain, der zum ehemaligen NS-Reichsparteitagsgelände gehört, und dies alles in Nürnberg - der Stadt, aus der die Familie seines Vaters stammt. Und aus der sie nach der NS-Macht-übernahme vertrieben worden war.
Wäschemanufaktur Joel in Nürnberg
Im Jahr 1928 hatte Alexanders Grossvater Karl Amson Joel einen Textilver-sandhandel gegründet (vgl. außau 12/2007). Zehn Jahre später gehörte das Unternehmen bereits zu den Branchenführern in Deutschland. Nachdem 1934 im Parteiorgan «Stürmer» gegen den «Nürnberger Wäschejuden» und «Volksschädling» gehetzt worden war erkannte Karl Joel die Lebensgefahr, in der er sich befand, gerade im seinerzeit besonders rechts-
DER DIRIGENT ALEXANDER JOEL
Kritiker loben die klangschöne und hoch konzentrierte Leistung
lastigen Nürnberg, wo nun bei Reichsparteitagen die Nazis aufmarschierten. Im Frühling 1934 beschloss er, den Betrieb von Berlin aus zu führen. Als 1935 die Nürnberger Gesetze erlassen wurden, spitzte sich die Situation jedoch auch in der Reichshauptstadt dramatisch zu. Im Frühjahr 1938 war die Lage so beängstigend, dass Karl Joel, wollte er nicht die Zwangsschliessung seines Unternehmens riskieren, keinen anderen Ausweg mehr hatte: Er verkaufte seine Firma. Die Wäschemanufaktur, die, je nach Berechnung, geschätzte vier bis zwölf Millionen Reichsmark wert war, wechselte im Juli 1938 für 2,3 Millionen Reichsmark den Besitzer. Der hiess nun Josef Neckermann. Nach Abzug von Verbindlichkeiten und einer Rückstellung wegen eventuell noch ausstehender Forderungen blieb die Summe von 1,14 Millionen Reichsmark übrig, die der 26-jährige Neckermann auf ein Treuhandkonto zu überweisen hatte. Nur sah Karl Joel von diesem Geld nicht einen Pfennig - alle Vermögenswerte des jüdischen Unternehmers wurden von den Nazis beschlagnahmt.
Noch im Sommer 1938 flüchteten die Joels nach Zürich. Doch die Schweiz war nur Zwischenstation. Während Karl und Meta Joel wenig später mit ihrem 15-jährigen Sohn Helmut als Passagiere eines Karibik-Kreuzfahrtschiffs ihre Reise ins Exil antraten und über Kuba schliesslich in die USA emigrierten, machte der junge Geschäftsmann Neckermann eine Karriere, die das Dritte Reich nicht nur überstand - Neckermann lieferte unter anderem Uniformjacken und die Winterausstattung für den Russland-Feldzug -, sondern sich nach dem Weltkrieg zu einem Wirtschaftswunder-Mythos auswuchs. Die österreichische Filmemacherin Beate Thalberg drehte mit «Die Akte Joel» (2001) einen preisgekrönten Dokumentarfilm über dieses Kapitel deutscher Vergangenheit. Sie führte die Enkel Neckermanns und Joels in Wien erstmals zu einem Gespräch zusammen.
Neubeginn im Exil
Karl und Meta Joel verliessen 1939 mit ihrem Sohn in Havanna das Schiff. Im Jahr 1942 war für die Familie der Weg in die USA endlich frei. Karl Amson Joel war nun Anfang fünfzig - und der Neuanfang in New York sehr schwer. Wieder begann er als Unternehmer, diesmal als Produzent von Haarschleifen. Sohn Helmut arbeitete als Botenjunge und machte zudem samstags mit einer Jazz-Band Swing- und Tanzmusik. Er hatte, in klassisch bildungsbürgerlicher Tradition, schon als Kind in Nürnberg das Klavierspielen und später auch Saxophon und Klarinette erlernt. Dies war nun im Exil Gold wert, konnte er damit doch Geld verdienen. Zudem besuchte der junge Mann Abendkurse am City College. Und lernte Rosalind Nyman aus Brooklyn kennen, die ebenfalls aus einer jüdischen Flüchtlingsfamilie stammte. Ihre Eltern waren vor dem Horror des Ersten Weltkrieges aus Grossbritannien in die USA geflohen.
Kurz nachdem er Rosalind kennengelernt hatte wurde Helmut zur US-Army eingezogen. Als Howard Joel, so nun sein amerikanisierter Name, erlebte der 20-jährige Gl ab 1943 den Krieg an der Front in Europa. Zu dem Grauen und der Todesangst auf dem Schlachtfeld kam die Angst, plötzlich im Gefecht seinen engsten Jugendfreund vor sich zu haben. «Mein Vater sagte, er habe immer Angst gehabt, im Kampfeinsatz plötzlich seinem Freund Rudi oder überhaupt jemandem, den erkannte, gegenüberzustehen und auf ihn schiessen zu müssen», erzählt Alexander Joel. Er habe immer über die Köpfe deutscher Soldaten geschossen - es hätte ja Rudi unter ihnen sein können.
Das Kriegsende im Mai 1945 erlebte Helmut Joel in Deutschland. Fortan verfolgten ihn die entsetzlichen Bilder des Konzentrationslagers Dachau, das er mit seiner Einheit befreit hatte. Der 22-Jährige erfuhr, dass ein Teil der Fa-
milie von den Nazis ermordet worden war. Er suchte im zerstörten Nürnberg nach Schulfreunden, ging dorthin, wo wenige Jahre zuvor sein Zuhause und das Versandhaus seiner Eltern gewesen war. Er fand eine ausgebombte Brache vor. Doch so schmerzhaft die Rückkehr in das Land, von dem der Holocaust ausging und das seine Familie verjagt hatte, für ihn auch war, Hassgefühle hegte Helmut Joel nie: «Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass nicht alle Deutschen Nazis waren», zitiert Steffen Radlmaier ihn in seinem Buch «Die Joel-Story». Doch es wurde zur ebenso schmerzlichen Gewissheit, dass seine alte Heimat, sein altes Leben für immer verloren war.
Joel gegen Neckermann
Nachdem er im Herbst 1945 in die USA zurückgekehrt war versuchte der erst 22-jährige Kriegsveteran seine furchtbaren Erlebnisse zu verdrängen. Howard Joel schlug eine Laufbahn als Ingenieur im der Fernsehbranche ein und heiratete Rosalind. Im Mai 1949 kam Sohn Billy zur Welt. Ebenfalls um 1949 versuchte Karl Joel von New York aus, in Nachkriegs-Deutschland an sein Geld aus dem Firmenverkauf zu kommen. Der Prozess vor dem Wiedergutmachungsgericht in Nürnberg dauerte acht Jahre und endete mit einem Vergleich. Joel erhielt zwei Millionen Mark. «Ab diesem Zeitpunkt», so Alexander Joel, «konnte mein Großvater gewissermaßen mit dem Kapitel abschließen und nach vorne schauen.» Howard Joel indes, durch die Kriegserfahrung und die erlittenen Verluste zutiefst traumatisiert und von Erinnerungen und Depressionen gequält, trennte sich 1957 von seiner Frau und ging zurück nach Europa. Er war ein Entwurzelter in vielerlei Hinsicht. Auch seinen Vater Hess die Sehnsucht nach der Heimat nie los: Der Versandhausgründer Karl Joel kehrte als Mittsiebziger mit seiner Frau nach Deutschland zurück.
Howard Joel heiratete in Europa seine zweite Frau, eine Engländerin. Im August 1971 wurde Alexander geboren. Erneut versuchte Howard, nun knapp 40 Jahre alt, die Vergangenheit zu vergessen. Zwar erzählte er seinem Sohn Alexander über sein Leben in Amerika. Auch seinen mehr als 20 Jahre älteren Halbbruder Billy lernte Alexander als Kind kennen. Aber über die Geschichte seiner Familie während der NS-Zeit erfuhr Alexander Joel erst Anfang der achtziger Jahre, als er etwa zwölf Jahre alt war.
Die Musik spielte eine zentrale Rolle in der Familie. Der Vater gab seine Liebe zu Beethoven, Brahms und Mozart auch an Alexander weiter. Gleichwohl fand dieser seinen beruflichen Weg in die Musik erst über einen kleinen Umweg. Zwar erkannten und förderten seine Eltern früh seine künstlerischen Ambitionen, er erhielt Klavier- und Geigenunterricht und träumte schon als Kind davon, ein Orchester zu dirigieren. Dennoch studierte Alexander, einem Rat seines Vaters folgend, zunächst Jura. Der 18-Jährige ergatterte einen der wenigen Plätze am renommierten King’s College in London. Allerdings war er damit unglücklich. Gespräche mit seinem Bruder, dem Popstar, bestärkten Alexander in seinem Entschluss: Es zog auch ihn zur Musik.
Über Umwege zur Musik
Ab 1990 studierte Alexander Joel Klavier und Komposition an der Wiener Musikhochschule. Nach Abschluss seines Dirigentenstudiums mit Auszeichnung und als Preisträger beim europäischen Dirigenten-Wettbewerb startete er Mitte der neunziger Jahre seine Karriere. Er profilierte sich mit einem breiten Repertoire an großen Operetten von Offenbach über Kaiman, Lehar und Stolz bis Raymond bevor er sich verstärkt Oper und Konzert zuwandte. Nach ersten Engagements in Baden, Klagenfurt und an der Wiener Volksoper fungierte Joel ab 2001 fünf
Jahre als Erster Kapellmeister an der Deutschen Oper am Rhein, wo er sich ein breites Opernrepertoire erarbeitete. Der 40-Jährige hat etliche renommierte Orchester von Europa bis Asien geleitet, gastiert seit mehr als zehn Jahren regelmäßig in den namhaftesten Opernhäusern der Welt. Doch die Anfangsjahre als junger Dirigent waren mehr als schwierig: Verfügbare Positionen rar, die Konkurrenz erdrückend groß, die Auswahlverfahren hart, die Erwartungen komplex - oft entschieden Glück, Zufall, Begegnungen, Fügungen über den nächsten Schritt. Nachdem Joel 1997 seine erste feste Stelle erkämpft und sich dafür gegen 30 Mitbewerber durchgesetzt hatte erlebte er einen der glücklichsten Momente seines Lebens. Seitdem entwickelt sich die Karriere des Hochtalentierten stetig nach oben. Publikum und Presse waren und sind begeistert, fast durchweg positive Kritiken begleiten die beruflichen und künstlerischen Stationen des Dirigenten, der als einer der besten seiner Generation gilt.
Seit der Spielzeit 2007/2008 ist Alexander Joel Generalmusikdirektor des Orchesters am Staatstheater Braunschweig - als ausdrücklicher Wunschkandidat des Orchesters. Zusätzlich zu seinen dortigen Aufgaben führen ihn weiterhin Gastdirigate an Opernhäuser im In- und Ausland. Im Dezember 2011 erlebte an der Hamburgischen Staatsoper die Wiederaufnahme der von Peter Konwitschny inszenierten Urfassung von Verdis Oper «Don Carlos» unter Alexander Joels Leitung ihre umjubelte Premiere. Kritiker lobten einmal mehr die Interpretationsfähigkeit und das Gespür des ausdrucksstarken Dirigenten, der die Philharmoniker im Orchestergraben zu einer klangschönen, differenzierten und hoch konzentrierten Leistung trieb, der Spannung und Gefühle im Klangkörper zu mobilisieren und auszuloten vermag. Das zeichnet Alexander Joel aus. Er ist charismatisch und feinsinnig, er hat die ausgeprägte Fähigkeit, emotional zu berühren - und sich berühren zu lassen.
Im Februar 2013 wird Alexander Joel mit «La Boheme» am Londoner
Royal Opera House Covent Garden debütieren. Ein ganz besonderes Ereignis für den gebürtigen Londoner und seine britische Mutter Audrey, die zugleich ihren 75. Geburtstag feiern wird. Doch was wie ein weiterer, nur folgerichtiger Schritt in einer geradlinigen Karriere wirkt kam nicht zuletzt durch einen glücklichen Zufall zustande: Nach London eingeladen wurde Joel spontan nach seinem Riesenerfolg in Antwerpen mit dem Stück «Frau ohne Schatten» - und genau für den fraglichen Zeitraum fand sich eine kleine Lücke im vollen Terminkalender des vielbeschäftigten Dirigenten.
In der Spielzeit 2013/14 wird Alex?ander Joel an der Israeli Opera in Tel?Aviv Puccinis «Tosca» dirigieren.?Selbstverständlich ist für den Welt?bürger Alexander Joel, der den briti?schen, deutschen und den amerikani?schen Pass besitzt und in mehreren?Ländern gelebt hat, ein Gastspiel in Is?rael etwas ganz Besonderes, nicht nur?vor dem Hintergrund seiner Familien?geschichte, die zugleich ein Spiegel?bild der Geschichte des 20. Jahrhun?derts ist. Ohne religiöse Erziehung?aufgewachsen, bedeutet Judentum?ihm persönlich vor allem ein Zugehö?rigkeitsgefühl und Wertesystem, das?auf kulturellen Maximen und Traditi?onen - wie der Musik - fußt. Heutige?Generationen macht er nicht für die?Verbrechen der Väter an den Juden?verantwortlich. Es komme aber darauf?an, Lehren aus der NS-Geschichte zu?ziehen und dafür zu sorgen, dass so?etwas nie wieder geschehen kann.?«Das Wichtigste ist, nicht verbittert zu?sein.» Man dürfe Hass keine Chance?geben. «Wichtiger als ein gläubiger?Mensch zu sein ist es, ein anständiger?zu bleiben.» •
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.
MUSIK
PORTRÄT Dirigent Alexander Joel
Weltbürger der Musik
Alexander Joel gilt als einer der international profiliertesten und meistgefragten Dirigenten seiner Generation. Der 40-jährige Generalmusikdirektor in Braunschweig ist Deutschland nicht nur musikalisch eng verbunden. Sein Grossvater Karl Amson Joel gründete 1928 einen Textilversandhan-del in Nürnberg. Infolge der «Arisierungspolitik» musste er sein Unternehmen 1938 aufgeben und emigrieren. Josef Neckermann übernahm die Firma.
VON KATJA BEHLING
Die Musik - insbesondere die deutsche Klassik und die Wiener Operette - bestimmte das Leben von Alexander Joel bereits bevor er überhaupt auf der Welt war. «Die Fledermaus» von Johann Strauss spielt in seiner Familiengeschichte eine fast schicksalhafte Rolle: Alexander Joels Vater Helmut Joel, ein grosser Musikliebhaber, hatte sich zu Beginn der vierziger Jahre in eine junge Frau verliebt, die mit ihm gemeinsam in Operetten-Vorstellungen einer College-Theatergruppe auf der Bühne stand. Dass die Dame seines Herzens wie die Figur aus der «Fledermaus» Rosalind hiess, betrachtete der junge Mann zusätzlich als gutes Zeichen. Seltsamerweise hatten sich schon Rosalinds Eltern einst unter ähnlichen Umständen kennengelernt - bei einer Operettenaufführung in der Royal Albert Hall in London.
Sein Faible für Operetten gab Helmut Joel später auch an seinen Sohn weiter. Alexander, der seine Kindheit grösstenteils in Wien verlebte, besass schon mit neun Jahren einen Klavierauszug der berühmten «Fledermaus». Oft nahmen seine Eltern ihn mit ins Opernhaus. «Ich durfte in der Loge immer vorne sitzen und dem Dirigenten zusehen», erzählt Alexander Joel. Bei seinen ersten eigenen Auftritten als Dirigent sah ihm wiederum eine ältere Dame zu: Einzi Stolz. Sie, seinerzeit eine Nachbarin der Familie Joel, war die Witwe des grossen Operettenkomponisten Robert Stolz, in dessen Karriere die «Fledermaus» ebenfalls eine - die - Schlüsselrolle gespielt hatte.
Im Alter von erst 24 Jahren debütierte Alexander Joel an der Oper in
Nürnberg - mit der «Fledermaus». Im selben Jahr, 1995, trat auch Alexander Joels älterer Halbbruder, der amerikanische Pop-Star Billy Joel, zwei Mal in der ausverkauften Meistersingerhalle in der fränkischen Stadt auf. Diese Konzerte der Joels fanden 50 Jahre nach Kriegsende statt und waren Teil der offiziellen Feierlichkeiten in Nürnberg. Zwölf Jahre später, im Juli 2007, gab Alexander Joel dort ein spektakuläres Open-Air-Konzert, 60000 Menschen hörten zu. Auch dieses Konzert war musikalisch wie historisch von grosser Symbolkraft: Der damals 36-jährige Alexander Joel dirigierte die Nürnberger Philharmoniker, Spielort war der Luitpoldhain, der zum ehemaligen NS-Reichsparteitagsgelände gehört, und dies alles in Nürnberg - der Stadt, aus der die Familie seines Vaters stammt. Und aus der sie nach der NS-Macht-übernahme vertrieben worden war.
Wäschemanufaktur Joel in Nürnberg
Im Jahr 1928 hatte Alexanders Grossvater Karl Amson Joel einen Textilver-sandhandel gegründet (vgl. außau 12/2007). Zehn Jahre später gehörte das Unternehmen bereits zu den Branchenführern in Deutschland. Nachdem 1934 im Parteiorgan «Stürmer» gegen den «Nürnberger Wäschejuden» und «Volksschädling» gehetzt worden war erkannte Karl Joel die Lebensgefahr, in der er sich befand, gerade im seinerzeit besonders rechts-
DER DIRIGENT ALEXANDER JOEL
Kritiker loben die klangschöne und hoch konzentrierte Leistung
lastigen Nürnberg, wo nun bei Reichsparteitagen die Nazis aufmarschierten. Im Frühling 1934 beschloss er, den Betrieb von Berlin aus zu führen. Als 1935 die Nürnberger Gesetze erlassen wurden, spitzte sich die Situation jedoch auch in der Reichshauptstadt dramatisch zu. Im Frühjahr 1938 war die Lage so beängstigend, dass Karl Joel, wollte er nicht die Zwangsschliessung seines Unternehmens riskieren, keinen anderen Ausweg mehr hatte: Er verkaufte seine Firma. Die Wäschemanufaktur, die, je nach Berechnung, geschätzte vier bis zwölf Millionen Reichsmark wert war, wechselte im Juli 1938 für 2,3 Millionen Reichsmark den Besitzer. Der hiess nun Josef Neckermann. Nach Abzug von Verbindlichkeiten und einer Rückstellung wegen eventuell noch ausstehender Forderungen blieb die Summe von 1,14 Millionen Reichsmark übrig, die der 26-jährige Neckermann auf ein Treuhandkonto zu überweisen hatte. Nur sah Karl Joel von diesem Geld nicht einen Pfennig - alle Vermögenswerte des jüdischen Unternehmers wurden von den Nazis beschlagnahmt.
Noch im Sommer 1938 flüchteten die Joels nach Zürich. Doch die Schweiz war nur Zwischenstation. Während Karl und Meta Joel wenig später mit ihrem 15-jährigen Sohn Helmut als Passagiere eines Karibik-Kreuzfahrtschiffs ihre Reise ins Exil antraten und über Kuba schliesslich in die USA emigrierten, machte der junge Geschäftsmann Neckermann eine Karriere, die das Dritte Reich nicht nur überstand - Neckermann lieferte unter anderem Uniformjacken und die Winterausstattung für den Russland-Feldzug -, sondern sich nach dem Weltkrieg zu einem Wirtschaftswunder-Mythos auswuchs. Die österreichische Filmemacherin Beate Thalberg drehte mit «Die Akte Joel» (2001) einen preisgekrönten Dokumentarfilm über dieses Kapitel deutscher Vergangenheit. Sie führte die Enkel Neckermanns und Joels in Wien erstmals zu einem Gespräch zusammen.
Neubeginn im Exil
Karl und Meta Joel verliessen 1939 mit ihrem Sohn in Havanna das Schiff. Im Jahr 1942 war für die Familie der Weg in die USA endlich frei. Karl Amson Joel war nun Anfang fünfzig - und der Neuanfang in New York sehr schwer. Wieder begann er als Unternehmer, diesmal als Produzent von Haarschleifen. Sohn Helmut arbeitete als Botenjunge und machte zudem samstags mit einer Jazz-Band Swing- und Tanzmusik. Er hatte, in klassisch bildungsbürgerlicher Tradition, schon als Kind in Nürnberg das Klavierspielen und später auch Saxophon und Klarinette erlernt. Dies war nun im Exil Gold wert, konnte er damit doch Geld verdienen. Zudem besuchte der junge Mann Abendkurse am City College. Und lernte Rosalind Nyman aus Brooklyn kennen, die ebenfalls aus einer jüdischen Flüchtlingsfamilie stammte. Ihre Eltern waren vor dem Horror des Ersten Weltkrieges aus Grossbritannien in die USA geflohen.
Kurz nachdem er Rosalind kennengelernt hatte wurde Helmut zur US-Army eingezogen. Als Howard Joel, so nun sein amerikanisierter Name, erlebte der 20-jährige Gl ab 1943 den Krieg an der Front in Europa. Zu dem Grauen und der Todesangst auf dem Schlachtfeld kam die Angst, plötzlich im Gefecht seinen engsten Jugendfreund vor sich zu haben. «Mein Vater sagte, er habe immer Angst gehabt, im Kampfeinsatz plötzlich seinem Freund Rudi oder überhaupt jemandem, den erkannte, gegenüberzustehen und auf ihn schiessen zu müssen», erzählt Alexander Joel. Er habe immer über die Köpfe deutscher Soldaten geschossen - es hätte ja Rudi unter ihnen sein können.
Das Kriegsende im Mai 1945 erlebte Helmut Joel in Deutschland. Fortan verfolgten ihn die entsetzlichen Bilder des Konzentrationslagers Dachau, das er mit seiner Einheit befreit hatte. Der 22-Jährige erfuhr, dass ein Teil der Fa-
milie von den Nazis ermordet worden war. Er suchte im zerstörten Nürnberg nach Schulfreunden, ging dorthin, wo wenige Jahre zuvor sein Zuhause und das Versandhaus seiner Eltern gewesen war. Er fand eine ausgebombte Brache vor. Doch so schmerzhaft die Rückkehr in das Land, von dem der Holocaust ausging und das seine Familie verjagt hatte, für ihn auch war, Hassgefühle hegte Helmut Joel nie: «Ich wusste aus eigener Erfahrung, dass nicht alle Deutschen Nazis waren», zitiert Steffen Radlmaier ihn in seinem Buch «Die Joel-Story». Doch es wurde zur ebenso schmerzlichen Gewissheit, dass seine alte Heimat, sein altes Leben für immer verloren war.
Joel gegen Neckermann
Nachdem er im Herbst 1945 in die USA zurückgekehrt war versuchte der erst 22-jährige Kriegsveteran seine furchtbaren Erlebnisse zu verdrängen. Howard Joel schlug eine Laufbahn als Ingenieur im der Fernsehbranche ein und heiratete Rosalind. Im Mai 1949 kam Sohn Billy zur Welt. Ebenfalls um 1949 versuchte Karl Joel von New York aus, in Nachkriegs-Deutschland an sein Geld aus dem Firmenverkauf zu kommen. Der Prozess vor dem Wiedergutmachungsgericht in Nürnberg dauerte acht Jahre und endete mit einem Vergleich. Joel erhielt zwei Millionen Mark. «Ab diesem Zeitpunkt», so Alexander Joel, «konnte mein Großvater gewissermaßen mit dem Kapitel abschließen und nach vorne schauen.» Howard Joel indes, durch die Kriegserfahrung und die erlittenen Verluste zutiefst traumatisiert und von Erinnerungen und Depressionen gequält, trennte sich 1957 von seiner Frau und ging zurück nach Europa. Er war ein Entwurzelter in vielerlei Hinsicht. Auch seinen Vater Hess die Sehnsucht nach der Heimat nie los: Der Versandhausgründer Karl Joel kehrte als Mittsiebziger mit seiner Frau nach Deutschland zurück.
Howard Joel heiratete in Europa seine zweite Frau, eine Engländerin. Im August 1971 wurde Alexander geboren. Erneut versuchte Howard, nun knapp 40 Jahre alt, die Vergangenheit zu vergessen. Zwar erzählte er seinem Sohn Alexander über sein Leben in Amerika. Auch seinen mehr als 20 Jahre älteren Halbbruder Billy lernte Alexander als Kind kennen. Aber über die Geschichte seiner Familie während der NS-Zeit erfuhr Alexander Joel erst Anfang der achtziger Jahre, als er etwa zwölf Jahre alt war.
Die Musik spielte eine zentrale Rolle in der Familie. Der Vater gab seine Liebe zu Beethoven, Brahms und Mozart auch an Alexander weiter. Gleichwohl fand dieser seinen beruflichen Weg in die Musik erst über einen kleinen Umweg. Zwar erkannten und förderten seine Eltern früh seine künstlerischen Ambitionen, er erhielt Klavier- und Geigenunterricht und träumte schon als Kind davon, ein Orchester zu dirigieren. Dennoch studierte Alexander, einem Rat seines Vaters folgend, zunächst Jura. Der 18-Jährige ergatterte einen der wenigen Plätze am renommierten King’s College in London. Allerdings war er damit unglücklich. Gespräche mit seinem Bruder, dem Popstar, bestärkten Alexander in seinem Entschluss: Es zog auch ihn zur Musik.
Über Umwege zur Musik
Ab 1990 studierte Alexander Joel Klavier und Komposition an der Wiener Musikhochschule. Nach Abschluss seines Dirigentenstudiums mit Auszeichnung und als Preisträger beim europäischen Dirigenten-Wettbewerb startete er Mitte der neunziger Jahre seine Karriere. Er profilierte sich mit einem breiten Repertoire an großen Operetten von Offenbach über Kaiman, Lehar und Stolz bis Raymond bevor er sich verstärkt Oper und Konzert zuwandte. Nach ersten Engagements in Baden, Klagenfurt und an der Wiener Volksoper fungierte Joel ab 2001 fünf
Jahre als Erster Kapellmeister an der Deutschen Oper am Rhein, wo er sich ein breites Opernrepertoire erarbeitete. Der 40-Jährige hat etliche renommierte Orchester von Europa bis Asien geleitet, gastiert seit mehr als zehn Jahren regelmäßig in den namhaftesten Opernhäusern der Welt. Doch die Anfangsjahre als junger Dirigent waren mehr als schwierig: Verfügbare Positionen rar, die Konkurrenz erdrückend groß, die Auswahlverfahren hart, die Erwartungen komplex - oft entschieden Glück, Zufall, Begegnungen, Fügungen über den nächsten Schritt. Nachdem Joel 1997 seine erste feste Stelle erkämpft und sich dafür gegen 30 Mitbewerber durchgesetzt hatte erlebte er einen der glücklichsten Momente seines Lebens. Seitdem entwickelt sich die Karriere des Hochtalentierten stetig nach oben. Publikum und Presse waren und sind begeistert, fast durchweg positive Kritiken begleiten die beruflichen und künstlerischen Stationen des Dirigenten, der als einer der besten seiner Generation gilt.
Seit der Spielzeit 2007/2008 ist Alexander Joel Generalmusikdirektor des Orchesters am Staatstheater Braunschweig - als ausdrücklicher Wunschkandidat des Orchesters. Zusätzlich zu seinen dortigen Aufgaben führen ihn weiterhin Gastdirigate an Opernhäuser im In- und Ausland. Im Dezember 2011 erlebte an der Hamburgischen Staatsoper die Wiederaufnahme der von Peter Konwitschny inszenierten Urfassung von Verdis Oper «Don Carlos» unter Alexander Joels Leitung ihre umjubelte Premiere. Kritiker lobten einmal mehr die Interpretationsfähigkeit und das Gespür des ausdrucksstarken Dirigenten, der die Philharmoniker im Orchestergraben zu einer klangschönen, differenzierten und hoch konzentrierten Leistung trieb, der Spannung und Gefühle im Klangkörper zu mobilisieren und auszuloten vermag. Das zeichnet Alexander Joel aus. Er ist charismatisch und feinsinnig, er hat die ausgeprägte Fähigkeit, emotional zu berühren - und sich berühren zu lassen.
Im Februar 2013 wird Alexander Joel mit «La Boheme» am Londoner
Royal Opera House Covent Garden debütieren. Ein ganz besonderes Ereignis für den gebürtigen Londoner und seine britische Mutter Audrey, die zugleich ihren 75. Geburtstag feiern wird. Doch was wie ein weiterer, nur folgerichtiger Schritt in einer geradlinigen Karriere wirkt kam nicht zuletzt durch einen glücklichen Zufall zustande: Nach London eingeladen wurde Joel spontan nach seinem Riesenerfolg in Antwerpen mit dem Stück «Frau ohne Schatten» - und genau für den fraglichen Zeitraum fand sich eine kleine Lücke im vollen Terminkalender des vielbeschäftigten Dirigenten.
In der Spielzeit 2013/14 wird Alex?ander Joel an der Israeli Opera in Tel?Aviv Puccinis «Tosca» dirigieren.?Selbstverständlich ist für den Welt?bürger Alexander Joel, der den briti?schen, deutschen und den amerikani?schen Pass besitzt und in mehreren?Ländern gelebt hat, ein Gastspiel in Is?rael etwas ganz Besonderes, nicht nur?vor dem Hintergrund seiner Familien?geschichte, die zugleich ein Spiegel?bild der Geschichte des 20. Jahrhun?derts ist. Ohne religiöse Erziehung?aufgewachsen, bedeutet Judentum?ihm persönlich vor allem ein Zugehö?rigkeitsgefühl und Wertesystem, das?auf kulturellen Maximen und Traditi?onen - wie der Musik - fußt. Heutige?Generationen macht er nicht für die?Verbrechen der Väter an den Juden?verantwortlich. Es komme aber darauf?an, Lehren aus der NS-Geschichte zu?ziehen und dafür zu sorgen, dass so?etwas nie wieder geschehen kann.?«Das Wichtigste ist, nicht verbittert zu?sein.» Man dürfe Hass keine Chance?geben. «Wichtiger als ein gläubiger?Mensch zu sein ist es, ein anständiger?zu bleiben.» •
Katja Behling ist Journalistin und Publizistin und lebt in Hamburg.
Forza del Destino
09.02.2012
With Regisseur Michael Thalheimer outside the stage door just before the Premiere Forza del Destino
Forza del Destino
09.02.2012
At the Premiere Party with Regisseur Michael Thalheimer and Set designer Henrik Ahr